Die beste Ballerorgie aller Zeiten!
Der zielstrebige Cop Tequila (Chow Yun-Fat) ist in Hongkong hinter zwei sich duellierenden Banden von Waffenschiebern her. Er weiss nicht, dass Tony
(Tony Leung Chiu Wai) undercover für die Polizei tätig ist und sich mittlerweile in der Gunst des einen Bandenbosses hochgearbeitet hat.
Die Geschichte ist kaum erwähnenswert. Nach der ersten Schiesserei im Teehaus schreitet sie leider etwas gar mühsam voran. Erst nach dem Schützenfest in der Lagerhalle weckt die Story meinerseits mehr Interesse. Somit bleibt zwischen den Actionszenen durchaus Platz zum Nachdenken, zum Beispiel darüber, was meine hiesige Lobeshymne soll, aber das Geballere entschädigt meines Erachtens genügend und trifft voll meinen Geschmack.
Für westliche Zuschauer dürften zudem einige Dinge noch etwas, na ja, gewöhnungsbedürftig sein. Beispielsweise die Filmmusik, die für mich zwar mittlerweile fest zu «Hard Boiled» gehört. Ferner wirken die ernsthaften Szenen häufig eher aufgesetzt als überzeugend. Vielleicht haben die Schauspieler einen Einfluss darauf, denn einige überzeugen mich nicht wirklich. Am besten ist natürlich der Auftritt des Hauptdarstellers und Superhelden Chow Yun-Fat, der eine routinierte Show abliefert. Doch auch sein Gegenüber Tony Leung macht mir einen soliden Eindruck.
Zwischendurch eine Bemerkung zu Ton und Bild: Diese sind nicht immer über alle Zweifel erhaben, aber soweit in Ordnung. Man beachte dabei das Alter des Films! Ich besitze die HD-Remastered Version (uncut!) von e-m-s, mit der ich sehr zufrieden bin und die ich an dieser Stelle gern weiterempfehle.
Nebst der Action konnte ich in dem Hongkong-Streifen nur wenige Schauwerte ausmachen. Kommen wir daher zur Hauptsache. Dazu möchte ich gleich vorweg sagen, dass mich «Hard Boiled» vom Hocker gerissen hat und bei mir seitdem den Status als einer der besten Actionfilme geniesst. Und das soll was heissen bei einem Actionfan wie mir. John Woo beweist eindrücklich, weshalb er der Meister des Actionkinos ist. Es ist der letzte Film des Regisseurs, bevor es ihn nach Hollywood zog, und somit ein würdiges Abschiedsgeschenk an seine asiatischen Fans.
Gleich zu Beginn geht im Teehaus die Post ab. Die gebotene Schiesserei hätte manch einem anderen Film bereits als Finale gereicht, doch hier ist es die Eröffnungssequenz, die bereits deutlich die Richtung angibt und einen Vorgeschmack liefert auf das, was noch kommen soll. Auffallend dabei ist der unverkennbare «Heroic Bloodshed»-Stil, den keiner so perfekt beherrscht wie John Woo und hier wirklich bis ins Detail ausgefeilt ist. Mitreissender, beigeisternder, ausgiebiger und optisch schöner können Schiessereien nicht sein! Das ist voll mein Ding. Schade, dass ich das nicht häufiger zu Gesicht bekomme.
Die nächste Actionszene in der Lagerhalle lässt etwas auf sich warten, setzt dafür in Sachen Quantität noch einen drauf. Die eingebauten Verschnaufpausen sind akzeptabel kurz gehalten und es wird Blei verteilt wo es nur geht. Wenn die Kugeln irgendwo auftreffen, sprühen übermässig viele Funken herum und die Getroffenen fliegen elegant durch die Lüfte. Wenn nebenbei noch fleissig explodiert wird, notabene noch alles handgemacht, ist mein Glück perfekt. Besser geht’s nicht! Danke John Woo.
Als ob das alles noch nicht genug wäre, verlegt der Film seine letzten schätzungsweise dreiviertelstündigen Ereignisse in ein Spital. Von da an kann man bereits vom Finale sprechen, einem der längsten je gesehenen. Alle Personen tragen weisse Kleider, damit man die Einschüsse und das Blut auch bestimmt gut sieht, denn mit Letzterem werden die Wände des Spitals ab sofort neu gestrichen. Im Zweierteam schiessen sich die zwei Helden der Polizei den Weg durch die Gangster frei, in jeder Hand eine Pistole. Und alle, die ihnen über den Weg laufen, bekommen auch gleich aus jeder zwei Kugeln ab. Davon haben sie schliesslich reichlich, denn jedes Magazin scheint tausend Schuss zu besitzen, die unbedingt verballert werden müssen, weil wahrscheinlich sonst ihr Ablaufdatum überschritten wird. Sobald keiner mehr zu sehen ist, steigen die beiden in den Lift und beginnen auf dem nächsten Stockwerk des Gebäudes nochmals von vorn; als wären es einzelne Level eines Computergames. Spätestens jetzt wird auch das Auge des hartgesottensten Actionfans ein paar Freudentränen vergiessen aufgrund des schwindelerregend hohen Bodycounts (ungefähr 300) und dem immensen Sachschaden. Damit das gesamte Krankenhaus auch zweifellos in Schutt und Asche liegt, wird es als krönender Abschluss in die Luft gejagt.
Nachdem ich den vorliegenden Actioner gesehen hatte, wagte ich mich übrigens noch an weitere asiatische Werke heran. Diese erreichten leider allesamt nicht annähernd die Klasse von «Hard Boiled». Daher empfehle ich dieses Werk als absolutes Muss für jeden Actionfreak. Bei den anderen würde ich Vorsicht walten lassen.
Fazit: «Hard Boiled» enthält die ausgiebigsten und besten Schiessereien, die ich je gesehen habe. Ein durchchoreographiertes Actionballett mit reichlich Explosionen versehen. Genial!
 | Originaltitel: La shou shen tan | |
| Regie: John Woo | Dezember 2009 |